Der Jüdische Friedhof Schwelm

Führung über den Jüdischen Friedhof Schwelm

Jüdischer Friedhof schwelm

Dieser Grabstein mit hebräischer Inschrift steht auf dem jüdischen Friedhof Schwelm. Er stammt aus dem 18. Jahrhundert. Marc Albano-Müller, Hamburg und Schwelm, recherchierte über einen langen Zeitraum hinweg die Geschichte dieses Begräbnisplatzes. (Foto: M. Albano-Müller)

Der Verein für Heimatkunde Schwelm bietet unter der Leitung von Marc Albano-Müller an verschiedenen Sonntagen im Mai und Juni 2019 Führungen über den Jüdischen Friedhof Schwelm an.
(Text und Fotos: Marc Albano-Müller 2019)

Der Jüdische Friedhof Schwelm ist eines der ältesten Baudenkmäler der Stadt und das einzige erhaltene Zeugnis deutsch-jüdischer Kulturgeschichte am Ort.

Seit dem 16. Jahrhundert lebten Juden in Schwelm. Viele von ihnen bewohnten die heutige Kirchstraße. Als Begräbnisort nutzten sie anfänglich einen Winkel am Fuß der Stadtmauer, heute gelegen am Rand des „Brauereigässchens“. Um 1776 richteten sie den neuen Friedhof außerhalb der Stadt nahe der Ortschaft „Delle“ ein.

Da jüdische Gräber für unbegrenzte Zeit angelegt sind, findet man auf dem Friedhof noch viele der alten und ältesten Grabsteine erhalten. Sie erzählen von etwa 170 Jahren Schwelmer Stadtgeschichte.

Das letzte Begräbnis auf dem Friedhof fand 1943 statt. In der Zeit des Nationalsozialismus wurde der Ort mehrfach geschändet und verwüstet. Nach dem Krieg stellten Bund, Land, Stadt Schwelm und ehrenamtliche Bürger den Friedhof sorgfältig wieder her, und er ist bis heute gut erhalten. Seine Lage am Südhang des Ehrenbergs am Rand von Wiesen und Wäldern ist idyllisch.

Marc Albano-Müller begann 2016 zunächst die Geschichte von Martha Kronenberg zu recherchieren, die sich in der Nazizeit für Juden aus Schwelm und Wuppertal einsetzte. Seine Recherche erweiterte sich auf die Familien Marcus und Herz, bald auch auf viele weitere jüdische Familien, die einst Teil der Stadt waren und über Generationen ihre Angehörigen auf dem Friedhof bestatteten.

Mit zahlreichen Nachfahren konnte Albano-Müller in den USA, in Israel, England und Frankreich Kontakt aufnehmen. Begeistert über die Kontaktaufnahme, haben gleich drei Familien aus den USA in diesem Jahr ihren Wunsch ausgedrückt, nach Schwelm zu kommen und ihrer Vorfahren auf dem Friedhof zu gedenken.

Marc Albano-Müller erzählt bei der Führung von seiner Recherche und von der jüdischen Stadtgeschichte. Etwa 86 Grabsteine sind auf dem Friedhof erhalten, zu jedem sind einige Erinnerungen anzumerken, heitere ebenso wie tragische.

Als besonderer Bonus soll der gerade erst „entdeckte“ älteste Grabstein des Friedhofs präsentiert werden. Er wurde kürzlich präzise auf das Jahr 1713 datiert und verbindet sich mit dem Namen einer Mirjam, Tochter des Schmuel Hakohen. Lebte auch sie in der Kirchstraße?

Treffpunkt für die angebotenen Führungen ist der Friedhofseingang. Man erreicht ihn nur zu Fuß, etwa 200 m auf einem Feldweg stadtauswärts ab Haus Bandwirkerweg 25. Parkplätze entlang des Bandwirkerwegs stehen nur begrenzt zur Verfügung. Männliche Teilnehmer sollen bitte nach jüdischem Brauch eine Kopfbedeckung tragen.




Eines der ältesten Denkmäler Schwelms „entdeckt“
Barocker Grabstein auf dem Jüdischen Friedhof Schwelm stammt von 1713

Auf Bitte von Marc Albano-Müller befasste sich jetzt das Salomon Ludwig Steinheim-Institut aus Essen mit dem ältesten Grabstein des Jüdischen Friedhofs Schwelm. Zuvor hatte Albano-Müller den Leiter des Instituts, 
Prof. Dr. Michael Brocke, zu einem Besuch nach Schwelm eingeladen und 
ihm den Friedhof vorgestellt. Brocke und seine Mitarbeiter sind renommierte Experten für jüdische Friedhöfe, ihr Institut erforscht die Geschichte und Kultur der Juden in Deutschland.

Zu dem sehr alten Stein am Rand des Schwelmer Friedhofs war bislang nur bekannt, dass er in das 18. Jahrhundert und die Barockzeit zurückdatiert. Darauf weisen barocke Schmuckmotive auf der Vorderseite hin. Da jedoch seine hebräische Inschrift schon teilweise verwittert war, wurde bislang kein Versuch gemacht, den Stein genauer zu identifizieren.

Nun aber stellte sich heraus, dass die Inschrift sehr wohl noch weitgehend lesbar bzw. interpretierbar ist. Frau Nathanja Hüttenmeister vom Steinheim-Institut gelang es, praktisch den vollständigen Text zu rekonstruieren. Das Ergebnis ist beeindruckend: der Stein datiert von 1713 und ist damit über 300 Jahre alt! Er ist sogar älter als der gesamte Friedhof, der erst um 1776 eingerichtet wurde. Daher dürfte der Stein vom vorangegangenen ersten jüdischen Friedhof an der Schwelmer Stadtmauer hierher umgesetzt worden sein. Das war 1829, als die Stadt die Schließung des Friedhofs an der Untermauerstraße, Ecke Schulstraße, anordnete und ein Haus darauf errichten ließ (heute Hauptstraße 53a).

Die Inschrift des alten Grabsteins wurde aus dem Hebräischen wie folgt übersetzt: Hier ist geborgen die Frau Mirjam, Tochter des Schmuel Hakohen, verschieden den (Mittwoch, 25. Oktober 1713). Sie ging ein ins ewige Leben und hinterließ Leben allem Lebendigen. Ihre Seele sei eingebunden in das Bündnis des Lebens, Amen.

Noch ist unklar, wer diese Mirjam Hakohen in Schwelm war. Juden führten zu früherer Zeit meist zwei Namen, einen religiösen und einen bürgerlichen. Nur letztere Namen findet man in den Dokumenten der Stadtgeschichte überliefert, erstere wurden oft auf den Grabsteinen verwendet. Gehörte Mirjam zu den etwa vier jüdischen Familien, die um 1700 in der Stadt wohnten, den Familien von Herz Joas, Simon Jacob, Jacob Levi und Gottschalk Joseph?

Der neu „entdeckte“ Stein der Mirjam fand großes Interesse auch bei der Jüdischen Gemeinde von Westfalen in Dortmund. Wie Marc Albano-Müller erfuhr, wird demnächst womöglich der Rabbiner eigens zu einem Besuch nach Schwelm kommen. Grabsteine dieses hohen Alters, dazu mit bemerkenswert gut lesbarer Inschrift, sind selten und kostbar.

Mit diesem Stein, freut sich Albano-Müller, erfährt der Schwelmer Friedhof noch weitere Aufwertung. Schon zuvor hatte Prof. Michael Brocke darauf aufmerksam gemacht, dass in Schwelm auch eine Arbeit des renommierten jüdischen Bildhauers Leopold Fleischhacker (1882-1846) aus Düsseldorf zu finden ist. Es handelt sich um einen Grabstein von 1933 im sogenannten „Internationalen Stil“, gewidmet der Familie Marcus aus der heutigen Bahnhofstraße 37.




Jüdischer Friedhof Schwelm jetzt auch bei Wikipedia
Schwelmer Denkmal bekommt eigene Seite in der online-Enzyklopädie

Haus Martfeld hat es, und die Christuskirche. Die einstige Brauerei hat es, und das Amtsgericht. Vier Schwelmer Denkmäler haben bislang einen eigenen Eintrag bei Wikipedia. Jetzt kommt auch der Jüdische Friedhof hinzu, mit einer besonders ausführlichen und reich bebilderten online-Darstellung.

Artikel für Wikipedia werden von ehrenamtlichen Autoren verfasst, meist unter einem Pseudonym. Dabei gilt vor allem ein wissenschaftlicher Anspruch, sämtliche Aussagen in den Artikeln sollen belegt und nachprüfbar sein. Oft arbeiten zahlreiche Autoren den Artikeln zu, die Inhalte werden nach und nach von unterschiedlichen Seiten ergänzt und erweitert. Am Anfang steht aber immer die Initiative eines einzelnen Autors, dem das Thema wertvoll und interessant genug erscheint, um es als Artikel neu anzulegen.

Im Fall des Jüdischen Friedhofs Schwelm kommt diese Initiative von Marc Albano-Müller. Nachdem er über mehr als zwei Jahre zum Friedhof geforscht hatte, führte er jetzt kürzlich den Artikel in Wikipedia neu ein. Zahlreiche eigene Fotos dienten ihm zur Bebilderung des Inhalts. Man erfährt über die Geschichte des Orts ebenso wie über viele einzelne der bestatteten Personen und die Besonderheiten ihrer Grabmäler.

Albano-Müller verbindet damit vor allem den Wunsch, dass der Friedhof wieder mehr ins Bewusstsein und Gedächtnis der Stadt rückt. Zusammen mit Martfeld und Brunnen bildet er doch eines der ältesten und wertvollsten Denkmäler Schwelms.

Lesen Sie auch unsere Publikation "Juden in Schwelm"
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