Geologie und Fossilien

Bald im Museum Haus Martfeld zu sehen: Die Zimmermannsche Fossiliensammlung

Die "Strothia schwelmensis", benannt nach ihrem Finder, dem Steiger Stroth aus Schwelm, ist eines der ältesten Zeugnisse der Schwelmer Geschichte – Die Sammlung einzigartiger fossiler Funde ist künftig im Museum Haus Martfeld zu bewundern.

Die drei Brachiopoden (Armfüßer) sind ca. 385 Millionen Jahre alt und stammen aus der Erdgeschichte unserer Region, (Foto: A. Kowalewski)


Die Stadt Schwelm besitzt einen ganz außergewöhnlichen Schatz, um den uns so manche Universitäten, Forscher und Spezialisten beneiden. Gemeint ist die beachtenswerte Sammlung von Fossilien, die aus der Zeit von vor ca. 385 Millionen Jahren stammen. Der Lehrer Ernst Zimmermann fand Anfang des 20. Jahrhunderts hervorragende Objekte von Fossilien hier vor Ort, in Schwelms "Roten Bergen".

In einer didaktisch aufbereiteten Ausstellung waren die besterhaltenen Fossilien im Anbau der Martfelder Kapelle zu sehen. Lutz Koch, Ennepetal, Spezialist für Historische Geologie und Paläontologie, hatte Ende der 1990er mit finanzieller Unterstützung der Wilhelm-Erfurt-Stiftung die Ausstellung mit den schönsten und besterhaltenen Fossilien in fünf Vitrinen aufgebaut und die Präsentation der erläuternden Fotos und Zeichnungen vorbereitet. In unzähligen Führungen erläuterte er interessierten Bürgern und Fachleuten die Besonderheiten der Objekte und die spannende Entstehungsgeschichte unseres Schwelmer Raumes.

Künftig soll die einzigartige Sammlung im Zuge der Umgestaltung der Museumsräume in Haus Martfeld ausgestellt werden. Vertreter aus Politik und Verwaltung, des Museums, des Verschönerungsvereins und des Vereins für Heimatkunde fanden bei einem Ortstermin eine gute und gangbare Lösung. Durch die Neukonzeption der ersten beiden Museumsräume beginnt künftig der Besucher seine Zeitreise mit der Erdgeschichte. Hier entdeckt er die ältesten Zeugnisse unseres Raumes. In Vitrinen mit Fossilien aus der Zimmermannschen Sammlung und anhand erläuternder Bilder wird eine längst vergangene Erdgeschichtszeit und damit die Entstehungsgeschichte unserer Region nachvollziehbar visualisiert. Jüngere Fundstücke aus der Steinzeit und Zeugnisse der ersten Besiedlung unseres Raumes schließen sich an und führen den Besucher weiter in die Museumsausstellung.

Dr. Bärbel Jäger vom Museum Haus Martfeld ist überzeugt, dass damit ein weiterer Schritt zu einer Attraktivitätssteigerung des Museums vollzogen wird. Eine finanzielle Unterstützung zur Umgestaltung der ersten beiden Räume wurde vom LWL Münster avisiert, so dass zusammen mit einem städtischen Etat für das Museum die Neugestaltung umgesetzt werden kann. Ein Anfang in diese Richtung ist bereits getan: Die große Riff-Vitrine steht bereits in dem ersten Ausstellungsraum. Anhand der dargestellten Objekte kann schon jetzt bei Führungen die Besonderheit der Erdgeschichte unserer Region erklärt werden.

Foto links: Querschnitt durch ein mitteldevonisches Riff (Zeichnung C. Brauckmann, Schaubild von L. Koch)

Foto rechts: Riff-Modell, ehemals in der Martfelder Kapelle (Foto: Lutz Koch, http://www.l-koch.de/ausstellungen.htm)

Vitrine mit Riffmodell

Diese Vitrine mit einem Riffmodell entstand 2005 auf Anregung von Lutz Koch durch eine Schülergruppe der damaligen Schwelmer Hauptschule West und ihrem Lehrer Lutz Klingelberg. Zu sehen ist die naturgetreue Nachbildung einer Lagune in der Äquatorialzone des Mitteldevons. Aufgrund der warmen Temperaturen, einer gemäßigten Wasserzufuhr und der idealen Sonneneinstrahlung war dies ein optimaler Lebensraum für die Ansiedlung und Vermehrung von Korallen, Schnecken und Stromatoporen. Über Jahrmillionen lagerten sich die kalkhaltigen Überreste der Lebewesen ab. So entstand eine enorme Kalksteinschicht, bekannt als „mitteldevonischer Massenkalk“, der hier in Schwelm besonders nah an der heutigen Erdoberfläche liegt. Daher war es nur natürlich, dass bei den Erdarbeiten und der Erzförderung der Zeche Schwelm auch fossile Funde zutage treten konnten. Ernst Zimmermann fand und sammelte sie.

Foto links: Ästige Stromatopore Amphiporasp., Bildbreite 12 cm; Lutz Koch, Galerie "Fossilien aus dem Schwelm-Kalk", http://www.l-koch.de/galerie-f/s6.htm

Foto rechts: Brachiopode Stringocephalus sp.; Höhe 7 cm, Fundort: Schwelm,Aufbewahrung: Museum Haus Martfeld, Schwelm (Foto: Lutz Koch, http://www.l-koch.de/galerie-f/s2.htm


Geschichte der Zimmermannschen Sammlung

Ernst Zimmermann (1854-1923), Lehrer an der Katholischen Volksschule Schwelm, fand zu Anfang des 20. Jahrhunderts die Versteinerungen in der Abraumhalde des ehemaligen Erzbergbaus Martfeld. In Fachkreisen wird die Gesteinsformation, der mitteldevonische Massenkalk, aus dem die fossilen Funde stammen, als "Schwelm-Kalk" bezeichnet.
Nach dem Tod Ernst Zimmermanns übernahm der Verein für Heimatkunde Schwelm 1923 die wertvolle Fossilien-Sammlung. Sie gelangte 1938 zusammen mit weiterem Museumsgut, dem Archiv und der Bibliothek in den Besitz der Stadt Schwelm.
Über Jahrzehnte lagerten die Fossilien der Sammlung unter klimatisch ungünstigen Bedingungen und an verschiedenen Standorten. In den 1990er Jahre widmete sich Lutz Koch, Paläontologe, Historischer Geologe und Beiratsmitglied des Vereins für Heimatkunde Schwelm e.V., nach über 70 Jahren den bedeutenden Objekten. Er sortierte und reinigte, verzeichnete und fotografierte sie und rettete damit die Sammlung vor dem endgültigen Zerfall. Ausgestellt waren die wertvollen Objekte von 1998 bis 2017 in Vitrinen in der Martfelder Kapelle.

Schwelm lag am Äquator
Vor rund 380 Millionen Jahren sah die Erde völlig anders aus als heute. Die Kontinente lagen als große Landmassen in den Ozeanen. Unendlich langsam drifteten sie auseinander und positionierten sich nach und nach in den uns heute bekannten Erdteilen. Daher lag unsere geologische Urzeit in Äquatornähe. Die optimalen klimatischen Voraussetzungen boten dort einen idealen Lebensraum für frühe Landpflanzen, Stromatoporen (schwammartige Lebewesen), Schnecken und Brachiopoden. "Entstanden sind die devonischen Riffe vor 384 Mill. Jahren in einer Flachwasserzone (Schelfmeer) vor der Küste. Im Vergleich mit den Lebensbedingungen heutiger Riffkorallen gilt es als wahrscheinlich, dass sich die Riffbildung in einer Tiefe von 25 bis 50 m, in sauerstoffreichem, gut durchlichtetem Wasser, bei einer Temperatur von ca. 25° C vollzog. Ein bestimmter Salzgehalt des Wassers war Voraussetzung, da Süßwasser Korallen absterben lässt und sie schon in geringer Konzentration, das heißt auch in weiterer Entfernung von Flussmündungen, auflöst." (aus: Lutz Koch, http://www.l-koch.de/texte/text_mkalk.html)
Aus diesem Lebensraum stammen somit die heutigen fossilen Funde aus den roten Bergen. Die Schalen und Kalkgerüste abgestorbenen Korallen, Schnecken und weitere Organismen bildeten über Millionen von Jahren eine enorm dicke Kalkschicht. Diese urzeitliche Kalkschicht tritt hier in Schwelm besonders – wie auch östlich von Düsseldorf und Hagen - nahe an die Erdoberfläche (Massenkalkzug am Nordrand des Bergischen Landes und des Sauerlandes). Bei den Arbeiten im Erzbergbau gruben Millionen Jahre später Menschen in dieser Kalkschicht. In der Abraumhalde des Bergwerks sammelten sich somit unzählige fossile Funde aus dem Devon, die zunächst unbeachtet blieben.

Strothia schwelmensis
Als 1836 ein Schwelmer Bergwerksarbeiter, der Steiger Stroth, ein besonders auffälliges versteinertes Objekt in der Zeche Schwelm fand, war er so klug und übergab es an Fachleute der Universität Marburg. Dort wurde die berühmteste mitteldevonische Gastropoden-Art vom Fundort Schwelm von Emanuel Kayser als neue Art „Turbo schwelmensis“ beschrieben.

Bei der Neubearbeitung der Schwelmer Schnecken durch Heidelberger und Koch im Jahre 2004 wurde die Gattung „Strothia“ für diese Formen aufgestellt. Zahlreiche große, meist jedoch nicht vollständig erhaltene Exemplare der Gattung sind von den Fundorten Schwelm „Rote Berge“, Schwelm-Martfeld, Tagebau am Schwelmer Brunnen, Schwelm-Oberberge und auch vom Steinbruch „Steltenberg“ bei Hohenlimburg bekannt.
In der Sammlung Zimmermann befinden sich drei Gipsabdrücke eines besonders großen, gut erhaltenen Exemplars, das heute im Museum für Naturkunde in Berlin hinterlegt ist. (vgl.: Lutz Koch, http://www.l-koch.de/ausstellungen.htm)

Schnecke Strothiaschwelmensis, Höhe: 4,5 cm (Foto: L. Koch; http://www.l-koch.de/strotia-info.htm).

Text: Anne Peter, Verein für Heimatkunde Schwelm e.V., Februar und August 2018